Rongo Rongo

Das Schweigen der sprechenden Hölzer

Viel wurde schon über die „Schrift“ der Osterinsel diskutiert. Da stellt sich uns allerdings nach Durchsicht aller gescheiterten Übersetzungsversuche zunächst die Frage, ob sie überhaupt eine echte Schrift mit übersetzbaren Aussagen ist. Auf jeden Fall gibt es hier viel, sehr viel Unklarheit und zahlreiche phantasievolle Autoren. 

 

Die Geschichte der Holztafeln und wenigen Holzstäbe mit Schriftzeichen beginnt auch wieder, wie soll es auf der Osterinsel anders sein, mit einem Mythos. Danach war es Hotu Matua, der um das Jahr 1350 angeblich bei seiner Ankunft auf der Insel die ersten Tafeln mitgebracht haben soll. Ob das stimmt, woher er diese hatte und ob es durch ihn wirklich auch noch Schulen zur Vervielfältigung der Tafeln auf der Osterinsel gegeben hat, ist unserer Auffassung nach nicht mehr zu beantworten. Es gibt auch aus dieser Zeit keine schriftlichen Überlieferungen.

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Im Bild die Kopie einer alten Schrifttafel – von heutigen Schnitzern angefertigt.

Foto: Peter Hertel

Einst muss es Hunderte von Tafeln und beschrifteten Holzstäben gegeben haben, sagt der „Mythos“. Erhalten sind heute noch reichlich 20 dieser Relikte. Sie sind weniger als 250 Jahre alt und gelten als Kopien der Kopien der Originale. Der Rest ist vermodert oder wurde verbrannt. Seit 1930 ist keine neue Tafel aufgetaucht. 

 

Schreibgrund war Holz. Bei einer Tafel stammt es aus Europa, ein Hinweis darauf, dass diese möglicherweise von Europäern kopiert wurde. Die Form der Tafeln weist auf die Herkunft des Holzes hin. Manche könnten einst ein Paddelblatt gewesen sein.

 

Der These, dass die Tafeln nur Kopien von Originalen sind, widerspricht nicht nur die Paddelform, sondern vor allem die auf der letzten Zeile zusammengedrängten Zeichen. Das hätte man sicher bei einer Kopie, bei der es vermutlich nur um den Erhalt der Botschaft, nicht aber um die Anfertigung eines dem Original nahe kommenden Abbildes für ein Museum ging, korrigiert.

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Die „Schrift“ wird von rechts nach links gelesen und beginnt rechts unten, danach muss die Tafel gedreht und wieder die unterste Zeile, rechts beginnend gelesen werden.

Grafik: nach Machowski

Die Zeilenanordnung wird als Bustrophedon bezeichnet. Gelesen wird also genau so, wie der „Bauer übers Feld fährt“. Vielleicht sollte man Regierungserklärungen einmal in dieser Art schreiben. Wenn der Redner dann nach jeder Zeile das Blatt um 180 Grad wenden muss, könnte dies durchaus zu einer Auflockerung des Vortrages führen.

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Hier sind einige Deutungsmöglichkeiten für die Schriftzeichen zu lesen. So sieht der Sprachwissenschaftler Steven Roger Fischer eine Möglichkeit für die Übersetzung der sprechenden Hölzer. Grafik: nach Fischer

Die einzige in Deutschland vorhandene Tafel ist im Berliner Völkerkundemuseum zu besichtigen. Sie wurde 1883 erworben, ist 103 Zentimeter lang und etwa 13 Zentimeter breit. Vermutlich handelt es sich um ein Kanu-Teil, allerdings in einem außerordentlich schlechten Erhaltungszustand.

 

Liebe Freunde, es hätte uns an dieser Stelle sehr verwundert, wenn nach dem Bekanntwerden der Rongorongo-Tafeln sich nicht eine ganze Truppe „schlauer“ Leute um die Übersetzung der Zeichen bemüht hätte. Bis heute allerdings ziemlich umsonst, was auch zu unseren Schlussfolgerungen führt.

 

Lasst uns zunächst die „Deutungsversuche“ hier nur kurz zusammenfassen:

 

Nach dem Hotu-Matua-Mythos, angeblich aus dem Jahr 1350, gibt es über Jahrhunderte keine Berichte. 

Erst ab 1864 (!) tauchen die ominösen Tafeln wieder in teilweise kuriosen Erwähnungen auf. So soll ein Arbeiter von der Osterinsel, der auf Tahiti tätig war, namens Metoro Tauꞌa Ure, die Inschriften auswendig gekannt haben. Allein dies zu erwähnen zeugt schon davon, dass hier Wissenschaft nicht gerade in der Nähe war. Es gab und gibt immer Menschen, die sich mit derartigen „Kenntnissen“ einfach nur wichtig machen wollen. Das sollte sich bei den Schrifttafeln dann noch öfter wiederholen.

 

Im Jahr 1864 will der französische Pater Eugéne Eyraud die Tafeln wiederentdeckt haben. Er war der erste Missionar, der auf der Osterinsel arbeitete. In seinem Bericht schrieb er:

„In jedem Haus gab es noch Holztafeln, die bedeckt waren mit Hieroglyphen. Die auf den Tafeln dargestellten Tiere existierten auf der Insel nicht. Die Zeichen werden durch Ritzen mit einem scharfen Stein hergestellt. Jedes der Symbole hat einen Namen und es scheint, dass die Zeichen immer nur noch kopiert werden.“

 

Die Insulaner konnten weder lesen noch schreiben, hätten aber ein gutes Zahlenverständnis und für jede Zahl ein Wort. Zur Erinnerung: Diese Feststellung stammt auch aus dem Jahr 1864.

Pater Eyraud weiter: „Man hielt die Tafeln wie ein Blatt Papier in den Händen und begann eine Art Gebet zu sprechen. Die Tafeln waren vermutlich eine Art Erinnerungshilfe an einen Text, den man in der Jugend einmal auswendig gelernt hatte. Schon bei der Frage, bei welcher Tafel welcher Text zu sprechen sei, war man sich uneinig. Ich neige zu der Ansicht, dass diese Zeichen, die Überreste einer primitiven Schrift, für sie nur noch ein überlieferter Brauch sind, den sie bewahren, ohne sich für ihren Sinn zu interessieren.“

 

Eine ähnliche Erfahrung machte die englische Forscherin Katherine Routledge, die ab 1914 auf der Insel arbeitete. Sie fragte den Einheimischen Tomenika nach der Übersetzung und bekam zur Antwort: „Unsere Worte sind neu, aber die Zeichen sind alt.“ Damit kann der beste Sprachwissenschaftler sicher nichts anfangen und für eine Geschichtsschreibung eignet sich so etwas gleich gar nicht. 

 

Tomenika ließ sich auf ein Experiment ein. Ein anderer „las“ ihm eine Tafel vor, Tomenika schrieb das daraufhin auf. Beim Wiedervorlesen allerdings stimmte nichts mehr mit dem ersten Text überein.

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Der schwer an Lepra erkrankte Insulaner Tomenika hatte für Katherine Routledge ein paar Zeichen auf ein europäisches Formular (ein Kassenzettel) geschrieben. Quelle: Machowski

Die „grandioseste“ Entdeckung machte offenbar 1932 der Ungar Vilmos Hevesy. Er wollte erkannt haben, dass es eine Ähnlichkeit zwischen der Osterinselschrift und der des Industales um Mohenjo Daro gäbe.

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Die Grafik zeigt den Vergleich einiger Zeichen. Die linke Reihe stammt aus Mohenjo Daro, die rechte von der Osterinsel. Grafik: nach Machowski

Zahlreiche Zeichen der Rongorongo-Tafeln zeigten seiner Meinung nach eine Ähnlichkeit mit der Schrift der Kultur von Mohenjo Daro (heute Pakistan). Doch diese Schrift ist nicht nur 3.500 Jahre älter, sondern wurde auch auf der gegenüberliegende Seite der Erde geschrieben. Die Mohenjo-Daro-Schrift wird normal, also nicht durch Umdrehen der Tafeln gelesen. Ähnlich sind hier vor allem die Zeichen für Mensch und einige Tiere.

 

Liebe Freunde, wundert Ihr Euch, dass weltweit das Zeichen für einen Mensch einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine hat?

 

Der Archäologe Kenneth P. Emory vom Bishop Museum in Hawaii vertritt eine völlig andere Auffassung. Aus der Tatsache, dass die wenigen erhaltenen Rongorongo-Tafeln nachweislich zwischen 1722 und 1868 aufgefunden wurden, zieht er den Schluss, bei der Schrift handele es sich lediglich um eine polynesische Nachahmung europäischer Schriftzeugnisse.

Das ist doch auch eine Idee!

 

Die Deutungsversuche sind zahllos, insbesondere seit sich Laienforscher daran versuchen. Die „seriösen Erklärungen“ für die aufgezeichneten Texte reichen von Genealogien bis zu rituellen Gesängen. Ein deutscher Künstler glaubt in den Zeichen ein Hilfsmittel für die Navigation auf See gefunden zu haben.

 

Bislang ist es jedoch immer noch nicht gelungen, die Texte Zeile für Zeile zu übersetzen. 

 

Genau genommen ging die Geschichte von der angeblichen Entzifferung der Osterinselschrift

dann immer so weiter bis in die Gegenwart.

 

Doch halt. Es gibt noch eine erwähnenswerte „Untersuchung“. Hier kommt der angebliche Übersetzer der Mayaschrift Yuri Knorozov ins Spiel. Er hatte in den 1960er Jahren angekündigt, die Mayaschrift mit Hilfe eines, damals sicher noch sehr einfachen, Computers zu übersetzen. Das Vorhaben wurde in zwei Fachartikeln angekündigt und die Übersetzung für den dritten in Aussicht gestellt. Diese Veröffentlichung begann dann mit der Feststellung, dass die Untersuchungen erfolgreich abgeschlossen wurden und man nun bewiesen habe, dass sich die Mayaschrift auch mit einem Computer nicht übersetzen ließ. 

Die Mayaschrift ist heute im übrigen zu 90 Prozent deutbar, aber nicht so lesbar, wie wir es von unseren Texten gewohnt sind. 

Natürlich widmete sich der Schriftspezialist Knorozov dann auch der Osterinselschrift – doch das war genauso erfolglos.

 

Uns zeigt die Geschichte, welche „Fachleute“ hier unterwegs waren. 

 

Die russische Ethnografin Irina Fedorova hatte sich 1995 der Übersetzung der beiden Petersburger Rongorongo-Tafeln bemüht. Dabei kamen leider auch keine begreifbaren Texte heraus. Ein Beispiel gewünscht?

 

„Er schnitt ein Rangi-Zuckerrohr, eine Tara-Yamswurzel, er schnitt viel Taro, Stiele, er schnitt eine Yamswurzel, er erntete, er schnitt eine Yamswurzel, er schnitt, er zog hoch, er schnitt eine Honui, er schnitt ein Zuckerrohr, er schnitt, er erntete, er nahm, ein Kihi, er wählte ein Kihi, er nahm ein Kihi...[.usw].“

 

Der deutsche Ethnologe Thomas Barthel vermutete, dass die Ursprünge der Schrift aus Polynesien kamen. Er will in seiner Übersetzung Hinweise auf die 1.850 Kilometer entfernte Insel Pitcairn und den 4.000 Kilometer von der Osterinsel entfernten Australinseln (dem Tubuai-Atoll) gefunden haben. Beweisen konnte er seine These allerdings auch wieder nicht. 

 

Andere Forscher glauben, dass sich die Schrift eigenständig auf der Osterinsel entwickelt habe. Die Zeichen könnten aus zeremoniellen Ornamenten entstanden sein, die als Schrift zur Erinnerungshilfe dienten.
 

Das sieht auch der Schweizer Ethnologe Alfred Metraux um 1957 so:

„Es handelt sich nicht um eine Schrift im eigentlichen Sinne, sondern um ein mnemotechnisches System, das als Gedächtnisstütze bei gesungenen Erzählungen diente.“ 

Dem stimmt auch der norwegische Forscher Thor Heyerdahl zu:

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Brief von Heyerdahl an das Archiv für Zivilisationsforschung.

Er schrieb uns schon 1982: „Es ist längst bewiesen, dass die Übersetzungen [von Rongorongo] nur Erfindungen und eifrige Phantasie waren.“

 

Wenn wir all dieses Durcheinander und die leider nutzlos vertane Zeit der „Experten“ mal zusammenfassen, kommen wir nun zu einer möglichen Deutung.

 

Liebe Freunde, stellt Euch folgendes Szenario aus der heutigen Zeit vor: 

Die große Tochter mit zwei Kindern geht täglich auf Arbeit. Die Oma kommt gegen 15 Uhr zu ihr nach Hause und findet folgenden Zettel vor: „Komme heute leider erst 19 Uhr“. Nicht mehr und nicht weniger. Die gewiefte Oma kann aber dem Zettel folgendes entnehmen: Die Kinder müssten aus der Tagesstätte abgeholt, die Wäsche könnte von der Leine abgenommen werden und über ein gemeinsames Abendbrot mit ihr und den Kindern würde sich die Tochter auch sehr freuen.“

 

Nicht weniger aber auch nicht mehr ist von den Rongorongo-Tafeln zu erwarten. Vielleicht galten die Gedankenstützen nicht der Oma, sondern Texten für religiöse Lieder. Das sind aber schon alle Zugeständnisse, die wir freiwillig machen würden.